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Online-Konferenz mit dem Yale Center Beijing
Strategies for an age-friendly management of the growing number of older people in Germany and China

Am 24.November 2022 organisierte die Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) zusammen mit dem Yale Center Beijing und dem Macau Ricci Institute at the University of Saint Joseph, Macau, eine Online-Konferenz, bei dem renommierte Experten beider Länder über Strategien zum besseren Umgang mit der wachsenden Anzahl an älteren Menschen. Sowohl Deutschland als auch China stehen zunehmend vor der Herausforderung einer alternden Gesellschaft, weshalb es für beide Länder gewinnbringend ist, gemeinsam über Lösungswege zu diskutieren, wie eine faires und bedürfnisorientiertes Altenpflegesystem entwickelt werden kann.

Die Veranstaltung war somit ein weiterer wichtiger Beitrag, den die Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) gemeinsam mit seinen Partnern in China, dieses Mal dem Yale Center Beijing und dem Macau Ricci Institute in Macau zur Lösung gesellschaftlicher Probleme leistete.

Von deutscher Seite sprach Frau Prof. Dr. Gabriele Meyer (Professorin of health and nursing science at the Martin Luther University of Halle-Wittenberg, Head of the Institute for Health and Nursing Science at the Halle Medical Faculty/Germany) erläuterte in diesem Austausch die Situation und die Lösungsideen aus Deutschland, während Frau Christine Lai Tin Chi (CEO & Founder of Management of Heart Consultancy, Research Associate of Margaret Beaufort Institute of Theology (Cambridge) and Bioethics Resource Centre, Integral Care & Wellness Consultant of Caritas, Hong Kong) und Frau Prof. Dr. Pei Xiaomei (School of Social Sciences, Tsinghua University) den Status Quo und die Maßnahmen in China (Festland und Sonderverwaltungszone Hongkong) beschrieben.

Ethnische Probleme bei der Altenpflege in Deutschland

Frau Prof. Meyer stellte in ihrem Vortrag „Selected ethical issues in the care of older people in Germany” dar, mit welchen ethischen Problemen man bei der Gestaltung eines gerechten Altenpflegesystems konfrontiert sein kann. Im Wesentlichen kann man zwischen der Pflege im eigenen Zuhause oder in Altenheimen unterscheiden, häufig geht es dabei um Langzeitpflege. Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass insgesamt 3,31 Millionen Senioren Pflege Zuhause erhalten – 2,12 Millionen davon nur von ihren Angehörigen, während 980.000 von professionellen Pflegekräften unterstützt wurden. 820.000 Menschen werden zudem in Altenheimen betreut. Angesichts der wachsenden Zahl an alten Menschen und dem dadurch höheren Bedarf steht Deutschland derzeit vor einem Mangel an ausgebildeten Pflegekräften. Wie aus Studien hervorgeht, brechen 30 Prozent der Pflegekräfte ihre Ausbildung ab, fast ein Viertel verlässt seinen Job innerhalb von fünf Jahren nach Abschluss der Ausbildung. Vor allem seit Beginn der COVID-19-Pandemie ist die Zahl der Leute, die den Beruf vor allem aufgrund der schlechten Bezahlung und hohen Arbeitsbelastung aufgeben wollen, noch einmal drastisch gestiegen. Eine weitere besondere Herausforderung ist, dass die Zahl der Demenzkranken wie in vielen anderen Ländern auch in Europa rapide steigt. Als Reaktion darauf hat Prof. Meyer zusammen mit weiteren Experten die „Dementia Care Nurse“-Studie durchgeführt. Ein Ergebnis dieser Studie ist, dass ein stärkere Technologie-unterstützte Beratungen viele Vorteile sowohl für die Pflegekräfte als auch für die Patienten bringen würde.

Außerdem haben sich die Pilotversuche vor dem Hintergrund der Nationalen Demenzstrategie des Ministeriums für Gesundheit, bei denen professionelle Experten für Demenzkrankheiten Schulungen und Informationsveranstaltungen für informelle Pflegekräfte und Patienten in deren Zuhause geben, als sehr erfolgreich erwiesen. Dadurch könne erreicht werden, dass Krankenhäuser bzw. Pflegeheime zu einem gewissen Grad entlastet werden. Ein weiteres Problem ist der überzogene Einsatz von antipsychotischen Medikamenten. Diese werden Studien zufolge heutzutage bei circa 30 Prozent der Demenzpatienten langfristig verwendet, was gegen diverse Empfehlungen spricht. Prof. Meyer plädiert daher für einen geringeren Einsatz dieser Medikamente und stattdessen für einen stärker personenbezogenen (person-centred) Pflegeansatz. Verschiedene Projekte und Studien aus Großbritannien legen nahe, dass dieser Ansatz langfristig erfolgsversprechender ist. Auch spricht sich Prof. Meyer dafür aus, Demenzkranke nur als ultima ratio ins Krankenhaus einzuweisen, da sich ihr Zustand dort Studien zufolge häufig schnell verschlechtert. Ergebnisse des europäischen „RightTimePlaceCare“-Projektes machen klar, dass diese überzogene Krankenhauseinweisung negative Folgen nach sich zieht. Auch würde sie eine offene Debatte über den möglichen Einsatz von Pflegerobotern begrüßen da dieses Thema in Deutschland bislang weitgehend ignoriert wird.

Ältere Menschen zu einem integralen Teil der Gesellschaft in China machen

Frau Prof. Lai Tin Chi nahm in ihrem Vortrag „Reflection on Elderly Care from the Chinese `Yuan Rong Integral` perspective“ eine mehr philosophische Sichtweise ein und erklärte aus dieser Perspektive, wie es gelingen kann, ältere Menschen zu einem integralen Teil der Gesellschaft zu machen. Altern sei kein plötzlich einsetzendes Ereignis, sondern vielmehr ein „kontinuierlicher Prozess des Reifens und Wachsens“, der weit über die physische Gesundheit hinausgeht. Man müsse in den Diskussionen ums Altern daher auch die spirituelle Dimension berücksichtigen. Zu den wichtigsten Erkenntnissen, die sie aus ihren Studien sowie durch persönliche Erfahrungen gewonnen hat, gehören deshalb auch, dass professionelle Altenpfleger spirituelle Unterstützung für ihre Patienten leisten müssen. Ferner sei es wichtig eine Art „Freundschaft und Verbundenheit“ zwischen den älteren Menschen und dem Rest der Bevölkerung herzustellen, wofür natürlich nicht zuletzt auch die Familie sowie eine gute Ausbildung der Pflegekräfte notwendig sei. Man müsse den Älteren zudem dabei helfen, zurück auf ihr Leben zu blicken und die Bedeutung für sie selbst klarzustellen. Letztlich sei es auch unerlässlich, den älteren Menschen dabei zu helfen, den Tod als unvermeidliche letzte Stufe des Lebens zu akzeptieren. In der Sonderverwaltungszone Hongkong, wo Prof. Lai Tin Chi lehrt, fühlen sich circa drei der sieben Millionen Einwohner einer Religion zugehörig, knapp unter einer Millionen bekennen sich zum Katholizismus oder Protestantismus (Stand 2016). Besonders für diese Menschen ist eine solche spirituelle Betreuung wichtig. Ihre Lehren für die Altenpflege lassen sich gut durch das aus dem Buddhismus stammende integrale „Yuan Rong“-Konzept beschreiben. Dieses erklärt, dass auch scheinbar unabhängige, von einander getrennte Einheiten miteinander verbunden sind. Auf die Gesellschaft übertragen könne man also schlussfolgern, dass auch Ältere ein integraler Bestandteil der Gesellschaft bleiben, gleichwohl sie häufig eher im Abseits (z.B. in Altenheimen) leben. 

Prof. Dr. Pei Xiaomei ging in ihrem Vortrag “Challenges and Opportunities for Workforce Development for Integrated Care Provision in China” schwerpunktmäßig auf praktische Probleme und Herausforderungen ein. So veranschaulichte sie eingangs, dass die Rate von chronischen Krankheiten und Behinderungen vor allem bei älteren Menschen über 80 Jahren deutlich höher liegt als bei jüngeren Menschen. Traditionell erfolgt die Pflege älterer Menschen in China innerhalb der Familie. Da jedoch vor allem in der Stadt immer seltener drei Generationen zusammenwohnen, funktioniert dieses traditionelle System mittlerweile häufig nicht mehr. Prof. Pei benennt vor allem vier Aufgaben, die es zu erledigen gelte. Erstens müsse mehr für die Krankheitsprävention und Hinauszögerung von körperlichen Behinderungen getan werden. Zweitens müsse ein langfristiges Pflegesystem, das die gesundheitlichen, psychologischen und gesellschaftlichen Aspekte berücksichtigt, entwickelt werden. Dieses sollte auch den einfachen Zugang zu verschiedenen bedürfnisorientierten Dienstleistungen beinhalten. Zuletzt müsse ein solches Altenpflegesystem bezahlbar sein – sowohl für die älteren Menschen als auch für die Gesellschaft als Ganzes.

Anhand von mehreren Statistiken machte Prof. Mei deutlich, dass China im Zeitraum des 14. Fünfjahresplans (2021-2025) schon deutliche Fortschritte erzielt hat und dieser Fortschritt bis 2025 sogar noch deutlicher werden soll, zum Beispiel bei der Zahl der Betten in Pflegeheimen. In Städten/Provinzen wie Peking oder Hubei sind diese Zahlen um mehrere Zehntausend gestiegen. Auch die Zahl der Angestellten in solchen Zentren ist deutlich gewachsen.

Gleichzeitig hat die chinesische Regierung stärkere Anstrengung bei der Ausbildung von Fachärzten und Fachärztinnen sowie Pflegekräften im Bereich der Geriatrie angekündigt.

Im Zeitraum von 2016-2020 konnte das Pflege-Gepflegter-Verhältnis in der Folge auch bereits leicht verbessert werden, da der Anstieg der Pflegekräfte den Anstieg älterer pflegebedürftiger Menschen überstieg. Auch die Tsinghua-Universität ist in diesem Bereich aktiv, nicht nur durch Bildungsprogramme, sondern auch durch Publikationen wie den „Tsinghua Aging and Health Bulletin“. Mit solchen geeinten Anstrengungen kann der bestehende Mangel an qualifizierten Pflegekräften schrittweise beseitigt werden.

 

 

Autor: Ole Engelhardt